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Modbus und Profibus: Integration alter Steuerungen in moderne Netzwerke

· Dirk Corneli
Modbus und Profibus: Integration alter Steuerungen in moderne Netzwerke

Wer in einer Produktionshalle auf ein Steuerungssystem aus den 1990er Jahren trifft, das noch immer zuverlässig seinen Dienst tut, steht vor einer typischen Entscheidung der modernen Industrie: Alles ersetzen – oder das Bewährte in die vernetzte Welt integrieren? Für viele Betriebe ist die zweite Option nicht nur wirtschaftlich klüger, sondern technisch durchaus machbar. Entscheidend dabei sind zwei Kommunikationsprotokolle, die seit Jahrzehnten das Rückgrat industrieller Steuerungslandschaften bilden: Modbus und Profibus.

Zwei Veteranen der Automatisierungstechnik

Modbus wurde bereits 1979 vom Hersteller Modicon entwickelt – ursprünglich als einfaches Protokoll für die serielle Kommunikation zwischen Speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS). Die offene Spezifikation und die lizenzfreie Nutzung machten es zum meistverbreiteten Industrieprotokoll weltweit. Bis heute ist es in Millionen von Geräten aktiv. Auf de.wikipedia.org ist die Protokollgeschichte ausführlich dokumentiert.

Profibus folgte einige Jahre später: 1987 schlossen sich 21 deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammen, um mit staatlicher Unterstützung ein leistungsfähiges Feldbussystem zu entwickeln. Das Ergebnis war ein Protokoll, das vor allem in der Fertigungsautomation und der Prozessleittechnik schnell zum Standard wurde. Heute verwaltet die PROFIBUS Nutzerorganisation e.V. (PNO) die Weiterentwicklung des Standards gemeinsam mit der internationalen Dachorganisation PROFIBUS & PROFINET International.

Beide Protokolle sind in der Norm IEC 61158 standardisiert und trotz ihres Alters in zahlreichen Brownfield-Anlagen weiterhin im Einsatz.

Warum Legacy-Steuerungen nicht einfach ersetzt werden

Die Antwort ist meist eine ökonomische: Eine funktionsfähige SPS-Anlage mit angebundenen Frequenzumrichtern, Sensoren und Aktorik durch eine neue Lösung zu ersetzen, kostet nicht nur Geld für die Hardware – es kostet vor allem Zeit für Planung, Inbetriebnahme und Schulung. Hinzu kommen Produktionsstillstände, die für viele Unternehmen schlicht nicht akzeptabel sind.

Stattdessen setzen Wartungsingenieure und Automatisierungsspezialisten zunehmend auf Integration: Das bestehende System bleibt, wird aber mit modernen Netzwerkschichten verbunden. Datenerfassung, Fernwartung und Prozessoptimierung werden so möglich, ohne die Steuerungsebene anzutasten.

Modbus in der Praxis: Stärken und Grenzen

Modbus RTU über RS-485 ist nach wie vor die einfachste Methode, ältere Feldinstrumente und Steuerungen anzubinden. Der Master fragt, die Slaves antworten – der Protokollaufbau ist so schlicht wie robust. Für zeitkritische Anwendungen in großen Netzwerken mit vielen Teilnehmern stößt es jedoch an Grenzen: Die Übertragungsraten sind begrenzt, und eine direkte Peer-to-Peer-Kommunikation zwischen Slaves ist nicht vorgesehen.

Modbus TCP/IP schließt die Lücke zur Ethernet-Welt. Mit einem einfachen Konverter lässt sich das RS-485-Protokoll in TCP-Pakete kapseln – und die Steuerung wird Teil des Ethernet-Netzwerks, ohne dass an der Steuerung selbst etwas geändert werden muss. Diese Brücke ist in der Praxis ein bewährter erster Schritt zur Netzwerkanbindung alter Anlagen.

Profibus DP und PA: Differenzierte Einsatzbereiche

Profibus existiert in zwei relevanten Varianten. Profibus DP (Dezentralisierte Peripherie) ist für die schnelle Kommunikation zwischen SPS und Feldgeräten wie Frequenzumrichtern, Ein-/Ausgabe-Modulen oder Antrieben ausgelegt. Profibus PA (Process Automation) hingegen wurde speziell für die Prozessindustrie entwickelt – mit eigener Stromversorgung über die Busleitung und eigensicherer Ausführung für den Einsatz in explosionsgefährdeten Bereichen.

Diese Differenzierung ist für Retrofit-Projekte relevant: Ein Profibus-DP-Netzwerk verhält sich grundlegend anders als eine PA-Installation in einer chemischen Anlage. Diagnosefunktionen, Adressierung und Kabellängen unterscheiden sich, was bei der Planung einer Netzwerkintegration berücksichtigt werden muss.

Protokollkonverter und Gateways: Die praktische Brücke

Der einfachste Weg zur Integration ist der Einsatz eines dedizierten Protocol-Gateways. Diese Geräte übersetzen zwischen der alten Buswelt und modernen Übertragungsstandards:

  • Modbus-zu-Ethernet-Gateways wandeln serielle Modbus-RTU-Telegramme in Ethernet-kompatible Formate um
  • Profibus-zu-PROFINET-Gateways ermöglichen die Einbindung alter DP-Slaves in moderne PROFINET-Topologien
  • Profibus-zu-OPC-UA-Proxies machen Feldgerätedaten für übergeordnete Systeme zugänglich

Diese Geräte arbeiten transparent: Die bestehende Steuerung „sieht" weiterhin ihren gewohnten Bus, während das Gateway die Daten für das Netzwerk aufbereitet. Konfigurationsaufwand und Inbetriebnahme sind in der Regel überschaubar.

OPC UA als übergeordnete Integrationsschicht

Für eine tiefergehende Integration empfiehlt sich der Einsatz von OPC UA (Unified Architecture). Dieses plattformneutrale Protokoll hat sich als De-facto-Standard für die vertikale Kommunikation im Sinne von Industrie 4.0 etabliert. Die Plattform Industrie 4.0, eine gemeinsame Initiative von Bundesministerium für Wirtschaft, Verbänden und Industrie, empfiehlt OPC UA als zentrale Kommunikationsarchitektur für vernetzte Produktion.

Konkret bedeutet das: Ein OPC-UA-Server liest Daten aus dem Modbus- oder Profibus-Segment aus und stellt sie in einem standardisierten, semantisch beschriebenen Format für übergeordnete Systeme bereit – ob SCADA, MES oder Cloud-Plattform. Der Vorteil: Keine proprietären Schnittstellen, keine Anbieterabhängigkeit, volle Interoperabilität.

Sicherheitsaspekte bei der Netzwerkanbindung

Ältere Industrieprotokolle wurden in einer Zeit entwickelt, in der Cybersicherheit kein Thema war. Modbus kennt kein Authentifizierungskonzept – jeder, der Zugang zum Netzwerksegment hat, kann Befehle senden. Profibus ist als deterministisches Feldbus-System ähnlich exponiert.

Bei der Integration in moderne Netzwerke ist daher eine Netzwerksegmentierung unbedingt erforderlich: Das Feldbussegment gehört in eine separate DMZ, abgeschirmt durch eine industrietaugliche Firewall. Fernzugriffe auf ältere Steuerungen sollten ausschließlich über gesicherte VPN-Verbindungen erfolgen. Dieses Prinzip der Tiefenverteidigung ist nicht verhandelbar – weder aus betrieblicher noch aus versicherungsrechtlicher Sicht.

Schrittweise vorgehen statt alles auf einmal

Ein pragmatischer Ansatz für Betriebe, die mehrere ältere Anlagen betreiben: Priorisieren nach Kritikalität und Datenrelevanz. Nicht jede Steuerung muss sofort vollständig vernetzt werden. Ein Frequenzumrichter an einer Nebenanlage, der lediglich Betriebsstunden loggen soll, lässt sich mit einem einfachen Modbus-TCP-Konverter anbinden. Eine komplexe Profibus-DP-Linie mit dreißig Slaves, die in ein SCADA-System eingebunden werden soll, erfordert hingegen sorgfältige Planung.

Der Einstieg über einzelne, gut verstandene Pilotprojekte schafft Erfahrung im Team, zeigt dem Management greifbare Ergebnisse – und schützt vor kostspieligen Fehlentscheidungen bei größeren Rollouts.


Die Integration von Modbus- und Profibus-Systemen in moderne Industrienetzwerke ist kein theoretisches Konzept, sondern gelebte Praxis in tausenden Werken. Mit den richtigen Gateways, einem durchdachten Netzwerkdesign und einem klaren Sicherheitskonzept lässt sich die Lebensdauer bewährter Steuerungssysteme erheblich verlängern – und gleichzeitig die Grundlage für datengetriebene Betriebsoptimierung schaffen, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden.


Quellen: