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Automatisierungstechnik im Mittelstand: Lösungen für kleine und mittlere Betriebe

· Dirk Corneli
Automatisierungstechnik im Mittelstand: Lösungen für kleine und mittlere Betriebe

Wer im produzierenden Gewerbe tätig ist, kennt das Dilemma: Die Automatisierungstechnik gilt vielfach als Domäne der Großkonzerne mit üppigen Investitionsbudgets. Dabei ist der Bedarf gerade in kleinen und mittleren Betrieben oft am dringlichsten — knappe Personalressourcen, steigende Lohnkosten und wachsender Wettbewerbsdruck machen effiziente Prozesse zur Überlebensfrage. Der gute Einstieg in die Automatisierungstechnik im Mittelstand ist längst kein Luxusprojekt mehr, sondern eine pragmatische Notwendigkeit.

Warum der Mittelstand beim Automatisieren zögert

Laut aktuellen Branchenanalysen haben bis heute rund 80 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen keinen einzigen Roboter im Betrieb — und das, obwohl neun von zehn Firmen bis 2030 entsprechende Technologien einführen wollen. Die Lücke zwischen Absicht und Umsetzung ist groß.

Die Gründe sind bekannt: unklare Amortisationsrechnung, fehlendes internes Know-how und die Angst vor überdimensionierten Projekten, die den laufenden Betrieb stören. Hinzu kommt, dass viele Angebote am Markt auf Großbetriebe zugeschnitten sind — mit Integrationsprojekten, die in Budget und Komplexität den Rahmen kleiner Werke sprengen.

Dabei übersieht, wer so denkt, dass der technologische Kern moderner Automatisierungslösungen für KMU deutlich zugänglicher geworden ist, als es scheint.

Die SPS als bewährtes Fundament

Im Zentrum jeder industriellen Automatisierungslösung steht die Speicherprogrammierbare Steuerung (SPS). Diese kompakten Geräte übernehmen die automatische Steuerung und Regelung von Maschinen und Anlagen — zuverlässig, robust und seit Jahrzehnten millionenfach im Einsatz.

Was die SPS-Lösung für KMU so attraktiv macht: Ein einmal entwickeltes Steuerprogramm lässt sich ohne nennenswerten Mehraufwand auf gleichartige Maschinen übertragen. Das bedeutet, wer heute investiert und ein solides Steuerungskonzept entwickelt, skaliert dieses morgen mit minimalen Zusatzkosten.

Moderne SPS-Systeme kommunizieren über offene Protokolle, lassen sich in bestehende Netzwerke integrieren und bieten Fernwartungsmöglichkeiten, die den Serviceaufwand erheblich reduzieren. Gerade für Betriebe ohne eigene IT-Abteilung ist das ein handfester Vorteil.

Bestandssysteme nicht vorschnell abschreiben

Ein häufig unterschätzter Aspekt: Viele Betriebe betreiben Maschinen und Anlagen, die technisch noch völlig in Ordnung sind, deren Steuerung jedoch veraltet ist. Hier bietet die gezielte Modernisierung — also die Nachrüstung einer zeitgemäßen SPS bei gleichzeitiger Beibehaltung der mechanischen Kernkomponenten — eine erheblich wirtschaftlichere Alternative zum kompletten Neukauf.

Retrofitting heißt das Stichwort: bestehende Antriebstechnik und Mechanik erhalten, die Steuerungsebene austauschen, Fernwartung und Diagnosefähigkeit nachrüsten. Das Ergebnis ist eine Anlage mit moderner Steuerungstechnik zu einem Bruchteil der Neuinvestition.

Schrittweise Implementierung statt großem Wurf

Der klassische Fehler beim Einstieg in die Automatisierungstechnik im Mittelstand ist die Suche nach der Komplettlösung. Wer alles auf einmal automatisieren will, scheitert häufig an Komplexität, Zeit und Budget.

Besser funktioniert ein modularer Ansatz:

  1. Analyse der Schwachstellen — Wo entstehen Fehler durch manuelle Eingriffe? Welche Prozesse sind repetitiv und zeitkritisch?
  2. Pilotanlage definieren — Eine Maschine, ein Prozessabschnitt als Einstiegsprojekt auswählen.
  3. Standardlösungen bevorzugen — Bewährte SPS-Plattformen und etablierte Komponenten statt Sonderlösungen.
  4. Erfolg messen und kommunizieren — Eingesparte Stunden, reduzierte Ausschussquote und verbesserte Verfügbarkeit intern sichtbar machen.
  5. Schrittweise ausrollen — Auf Basis der Erfahrungen aus dem Pilotprojekt weitere Bereiche erschließen.

Dieses Vorgehen hält das Risiko beherrschbar und schafft gleichzeitig internes Vertrauen in die Technologie — ein oft unterschätzter Faktor für den langfristigen Erfolg.

Fachkräftemangel als Motivator

Der demografische Wandel und der anhaltende Fachkräftemangel verändern die Kalkulationsgrundlage grundlegend. PwC beziffert die wirtschaftlichen Einbußen durch fehlende Fachkräfte auf rund 65 Milliarden Euro jährlich allein in Deutschland. Für den produzierenden Mittelstand bedeutet das: Stellen, die heute nicht besetzt werden können, müssen durch Automatisierung kompensiert werden.

Das verschiebt die Amortisationsrechnung. Wer früher einen ROI von drei bis fünf Jahren als Hürde betrachtete, rechnet heute anders — weil die Alternative nicht „billiges Personal" ist, sondern unbesetzte Stellen und stockende Produktion.

Der VDMA, der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer, beschreibt Digitalisierung und Automatisierung konsequent als Schlüsselthemen für die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Maschinenbaus — ausdrücklich auch für mittelständische Betriebe.

Kompetenz und Beratung: Worauf es ankommt

Die Wahl des richtigen Systemintegrators oder Dienstleisters ist entscheidend. Wer mit Betrieben aus der Region und der jeweiligen Branche vertraut ist, kennt die spezifischen Anforderungen — ob in der Lebensmittelproduktion, im Metallbau oder in der Druckindustrie.

Wichtige Kriterien bei der Auswahl:

  • Erfahrung mit der eingesetzten Steuerungsplattform — Ein Dienstleister, der die vorhandene Omron- oder Siemens-Hardware kennt, spart Einarbeitungszeit und vermeidet Schnittstellenprobleme.
  • Referenzen aus vergleichbaren Betrieben — Lösungen, die in ähnlichen Produktionsumgebungen bereits funktionieren, tragen ein deutlich geringeres Risiko.
  • Langfristige Ersatzteilversorgung — Gerade bei Steuerungskomponenten ist die Verfügbarkeit von Ersatzteilen und die Betreuung über den gesamten Lebenszyklus ein entscheidendes Qualitätsmerkmal.

Der ZVEI – Verband der Elektro- und Digitalindustrie bietet zudem hilfreiche Orientierung zu Normen, Sicherheitsanforderungen und aktuellen technologischen Standards in der Automatisierungstechnik.

Fazit: Pragmatismus schlägt Perfektionismus

Automatisierungstechnik im Mittelstand muss nicht groß und teuer beginnen. Eine einzelne modernisierte Anlage, eine zuverlässige SPS-Lösung für eine bislang manuell betriebene Station — das sind reale Einstiege mit messbarem Nutzen.

Entscheidend ist, anzufangen. Die Technologie ist verfügbar, die Integratoren sind erfahren, und die wirtschaftlichen Argumente sprechen heute klarer denn je für den Schritt in die automatisierte Fertigung. Wer wartet, bis „alles perfekt geplant" ist, wartet in der Regel zu lange.